Die Gutjahr-Debatte: Wie viel Selbstvermarktung brauchen Journalisten im Web 2.0?
(Foto: Richard Gutjahr/Flickr)
Unter Applaus läuft Richard Gutjahr die Treppen des Apple-Stores in New York herunter. Er ist der erste, der sich das neue iPad kaufen darf. Zu sehen gibt es diese Szene in einem Video auf seinem Blog und bei youtube. Zuvor war Gutjahr 20 Stunden in der Warteschlange vor dem Apple Store, hat von dort gebloggt und getwittert. Videos hat er direkt vom Klappstuhl aus an seinem Laptop geschnitten und ins Netz gestellt, vom iPhone aus hat er via U-Stream gesendet. Gutjahr berichtete außerdem für die Münchner Abendzeitung und die Internetseite der Süddeutschen Zeitung über das iPad. Und er wurde auch zum Objekt der Berichterstattung, z.B. bei Spiegel Online, dem ZDF Auslandsjournal oder dem Bayerischen Rundfunk. Dort moderiert Richard Gutjahr als freier Mitarbeiter im Fernsehprogramm. Und für den BR hat er auch aus New York berichtet. Seit Tagen wird nun auf Blogs und bei Twitter über diese Aktion diskutiert.
Für die einen war sie vor allem unterhaltsam und Gutjahr damit ein Wegbereiter der multimedialen Live-Berichterstattung. Blogger wie Martin Giesler finden, er könne schlichtweg nicht zwischen Journalismus und PR unterscheiden. Giesler, der die Aktion von der Umsetzung her sehr gelungen findet, kritisiert in seinem Artikel "Zwischen Journalismus und PR passt kaum ein iPad" die fehlende Distanz Richard Gutjahrs zu Apple. Dieser habe in einer Grauzone agiert: Einerseits zwischen distanzloser Blogger-Reportage, in der ein Produkt auch durchaus abgefeiert werden dürfe. Auf der anderen Seite stehe der freie Journalist, der seine Story verkaufen wolle. "Da hat sich meiner Meinung nach Journalismus und PR irgendwie zu sehr die Hand gereicht und der Zuschauer oder der Leser musste sich eigentlich immer fragen, ob der Mann in dem Moment, wo ich das lese, Apple-Fanboy oder Journalist ist", sagte Giesler im Gespräch mit mir. "Es würde auch keiner auf die Idee kommen, nach Wolfsburg zu reisen wenn VW ein neues Modell vom Band laufen lässt und eine Fangemeinde zu informieren und am Abend trotzdem ganz normal einen Artikel über dieses Auto zu schreiben." Zwar könne ein Journalist nie hundertprozentig objektiv berichten, sagt Giesler. Doch wer sich so offiziell mit einer Marke oder einem Produkt identifiziere, der höhle journalistische Standards aus, was unnötig das Vertrauen in den Journalismus zerstöre.
Richard Gutjahr entgegnet, er habe eigentlich nur für die interessierten Nutzer zu Hause bloggen wollen. Dabei sei es ihm gar nicht um Journalismus im hehren Sinne gegangen, sondern um eine neue Form der Kommunikation. Und die habe ganz gut funktioniert. Die Vorwürfe will er daher auch nicht gelten lassen, denn er habe äußerst transparent gehandelt. Ein Blick in seinen Blog oder Twitter-Account verrate schon, dass er ein Apple-Fan sei, er habe die Reise selbst finanziert und Urlaub beim BR genommen. Gutjahr sagt, er wünsche sich, dass auch die klassischen Medien so transparent arbeiten würden: "Da weiß ich nicht immer, welches Parteibuch ein Journalist hat, der über Politiker berichtet oder in welche Beteiligungen eine Zeitung verstrickt ist." Der Wirbel um seine Person sei wohl vor allem dadurch gekommen, dass er per Zufall zum Ersten in der Warteschlange wurde.
Richard Gutjahr hat im Interview mit mir sein Berichterstattungsexperiment folgendermaßen zusammengefasst: "Ich habe gelernt, dass es Möglichkeiten gibt, fernab der Massenkommunikation und der alten Berichterstattung ein Journalist zu sein." Schlechter Journalismus werde auch auf dem iPad kein guter Journalismus. Man müsse transparent sein und seinem Publikum, das in den vergangenen Jahren erwachsener geworden sei und die Mechanismen der Medien mittlerweile viel besser verstehe, Transparenz zeigen. Er hoffe, dass er das ausreichend getan habe.
Bei aller Kritik an seiner Aktion: Die Mehrheit der Kurznachrichten bei Twitter und der Kommentare in Blogs sind durchaus positiv. Michael Praetorius vergleicht Gutjahr in seinem Blog-Artikel mit einem Sportkommentator, der sich für eine Mannschaft entschieden und selbst den Rasen betreten habe. Inge Seibel beschreibt Gutjahrs Experiment in ihrem Blog-Artikel "Hier läuft was falsch" folgendermaßen: "Es war crossmedial, unterhaltsam und informativ, manch einer hatte das Gefühl, er sei selbst in New York vor Ort."
Richard Gutjahr habe deutlich gemacht, dass er Apple-Fan sei, beinahe schon damit kokettiert, findet die Medienjournalistin und Bloggerin Ulrike Langer. Auch sie lobt die Berichterstattung von Gutjahr. Dieser habe interessant, innovativ und auch sehr unterhaltsam mit den multimedialen Berichterstattungsmöglichkeiten gespielt: "Michael Praetorius hat den Begriff embedded Journalist für ihn angewandt. Das trifft es, weil er als Blogger mittendrin in der Schlange gewesen ist." Das sei auch das eigentliche Anliegen von Richard Gutjahr gewesen, so Ulrike Langer. Er habe weniger über das iPad berichtet, sondern viel mehr die Leute in der Schlange interviewt und sehr gekonnt ein 24-Stunden-Live-Gefühl von dort vermittelt.
Gutjahrs viel diskutierte Aktion könnte in einigen Jahren ganz normal sein. Olaf Kolbrück schätzt, dass es gerade für freie Journalisten zu einer Überlebensstrategie werden könnte, sich als Marke zu profilieren. Laut dem Redakteur beim Marketing-Magazin Horizont funktioniere das vor allem durch qualitativ gute Arbeit. Journalisten müssten zudem Themen einordnen können und dabei glaubwürdig und transparent wirken. "Es wäre ein großer Fehler, wenn der Journalist jetzt sagen würde, er muss zum Entertainer werden und dadurch dann die Geschichte selbst in den Hintergrund rückt", so Kolbrück im Gespräch mit mir. Er findet, Journalistenschulen sollten dem Nachwuchs verstärkt beibringen, zum einen ihre Geschichten den Medien besser zu verkaufen und dabei auch sich selbst besser zu verkaufen. Je mehr es ihnen gelinge, die eigene Kompetenz herauszustreichen, um so mehr würden sie auch von ihren möglichen Arbeitgebern wahrgenommen.
Richard Gutjahr sagt, er habe sich nicht hingesetzt und eine Liste erstellt oder einen Business Plan gemacht. Er habe sich einfach gefragt, in welchen Feldern er viel wisse und ein Interesse habe und somit anderen Leuten, die sich weniger auskennen, einen Service bieten könne. Apple und Journalismus hätten sich da herauskristallisiert. Er sei in der alten Medienwelt groß geworden, sagt Gutjahr, habe mit Schere und Klebstoff erste Radiobeiträge gemacht, aber auch aufwändige Jingles am Computer produziert, für die Zeitung und fürs Fernsehen gearbeitet. "Alte und neue Medien sind im Grunde eins - und wenn ich dazu beitragen kann, die beiden zusammen zu bringen, dann würde ich das gerne tun", so Gutjahr.
Der einfachste Weg, als freier Journalist auf seine Arbeit aufmerksam zu machen ist der eigene Blog oder ein Twitter-Account. Ulrike Langer berichtet über die digitale Entwicklung der Medien und hat selbst vor eineinhalb Jahren angefangen zu bloggen: "Es ist eine wunderbare Möglichkeit, auszuprobieren, was die eigenen Stärken sind, welche Themen einem liegen und mit welchen Darstellungsformen man experimentieren will - und das Ganze ohne dass einem Redaktionen reinreden." Optimal sei es, wenn es freien Journalisten gelinge, für Auftraggeber zu schreiben und dabei auch ihren Markenkern herauszuschälen. Langer gibt mittlerweile Seminare für Redaktionen und Journalistenschulen. Dort erklärt sie, wie Kommunikation im Web 2.0 funktioniert. Gerade freiberufliche Journalisten könnten sich dadurch kostenlos Experten-Netzwerke aufbauen und Trends entdecken.
Einigen Verlagen, Agenturen und Sendern scheinen die Aktivitäten ihrer Mitarbeiter im Social-Media-Bereich nicht ganz geheuer zu sein. Sie wollen sich in diesem Bereich jedenfalls absichern. Die BBC und viele weitere Medien haben schon interne Richtlinien für soziale Netzwerke entwickelt, die auch bei privaten Aktivitäten im Netz unparteiisches Verhalten vorschreiben. Die BBC rät ihren Mitarbeitern, die zum Beispiel einer Facebook-Gruppe wie Labour History beitreten wollen, auch der Gruppe Conservative History beizutreten.
Unabhängig von Richard Gutjahrs Experiment arbeitet die ARD derzeit an Richtlinien für ihre Redaktionen in sozialen Online-Netzwerken. Dort sollen zum einen Fragen zu Datenschutz und Urheberrecht geregelt werden. Es geht aber auch um die Rolle der Journalisten. So soll immer klar zu erkennen sein, ob der Journalist sich im Internet als Redaktionsmitglied oder als Privatmensch äußert. Beim Bayerischen Rundfunk gibt es bisher keine Regelungen für das Verhalten der Mitarbeiter beim privaten Bloggen oder twittern. In der Pressestelle in München sieht man den Rummel um die iPad-Aktion des freien Mitarbeiters Gutjahr auch durchaus positiv. Immerhin sei das kostenlose Werbung für den Sender.
Hinweis: Dieser Artikel ist durch meine Recherche für einen Beitrag für die Deutschlandfunk-Sendung Markt und Medienentstanden.
Für alle, die tiefer in die Debatte um Richard Gutjahrs iPad-Berichterstattungsexperiment einsteigen wollen, habe ich alle relevanten Links in meinem Delicious-Account gesammelt.

