Kreuzer wirft journalistische Standards über Bord

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Screenshot: radio.fueralle.org


Radio Blau muss womöglich den Sendebetrieb einstellen - und wir müssen uns noch weitere Sorgen um Leipzigs Medienlandschaft machen: Das Stadtmagazin Kreuzer wirft in seiner Berichterstattung darüber alle journalistischen Prinzipien über Bord und macht mephisto 97.6, das Lokalradio der Universität Leipzig, in einem tendenziösen und stellenweise falschen Artikel zum moralischen Sündenbock für das mögliche Aus von Radio Blau.

Worum geht es?
Die Autorin Julia Gabler schreibt in ihrem Artikel "freies, freieres, befreites Radio" in der aktuellen Kreuzer-Ausgabe über die drei Leipziger Sender Radio Blau, mephisto 97.6 und detektor.fm. Die Unterzeile "Mephisto blüht, Radio Blau kämpft ums Überleben und detektor.fm sendet online" deutet schon die Tendenz des Artikels an: Radio Blau ist der selbstlose Kämpfer für die Demokratie, detektor.fm in der Geschichte nur ein kapitalistischer Statist für das Fazit - und mephisto 97.6 zumindest moralisch schuld am möglichen Aus von Radio Blau. Der Artikel entbehrt journalistischen Standards und ist somit nicht nur ein Armutszeugnis für die Autorin, sondern auch für die gesamte Kreuzer-Redaktion, die diesen Text hat durchgehen lassen.

Der Artikel im Detail
Zu Beginn des Textes wird eine Konferenz von Radio Blau geschildert. Zitat: "Es herrscht das übliche Chaos einer Redaktionssitzung bei Radio Blau. Rund 30 Leute trudeln ein und nehmen auf Sofas, Stühlen und Fensterbänken Platz. Fast alle sind feste Sendungsmacher und produzieren neben Beruf, Studium und Familie ein nicht perfektes, aber authentisches Leipzig-Radio". Es folgt ein kurzer Abschnitt über die Finanzprobleme des Senders. Bisher, hieß es, hätten sich die Sächsische Landesmedienanstalt und Apollo-Radio die Sende- und Leitungskosten für Radio Blau geteilt. Diese Vereinbarung laufe nun aus. Der Artikel schildert die Debatte über einen Rettungsversuch des Senders: den möglichen Guinnessrekord 'die meisten DJs in einer Woche im Radio'. Zitat Kreuzer: "Die Kontakte in die DJ-Szene könnten ausgespielt werden. Aber, gibt Vorstandsvorsitzender Andreas March zu bedenken, so eine Aktion könnte die Ernsthaftigkeit der Radio-Macher aufs Spiel setzen. Eine knappe Abstimmung für den Rekordversuch beendet die Debatte." 

Bis dahin haben wir gelernt: Radio Blau ist im positiven Sinne chaotisch, aber doch äußerst seriös, diskussionsfreudig, basisdemokratisch, ein authentisches Leipzig-Radio, lebt von der aufopferungsvollen Hingabe der ehrenamtlichen Macher und ist ohne eigene Schuld von der Existenz bedroht.

Um den Bogen vom heldenhaften Blau-David zum mephisto-Goliath zu schlagen, braucht die Autorin noch einen weiteren Absatz. Denn die sächsische Politik weigere sich, die Bürgerradios finanziell zu unterstützen. Nur Ausbildungsradios wie mephisto 97.6 würden unterstützt. Jetzt endlich kann der Szenenwechsel zum bösen Leipzig-Radio kommen. Zitat Kreuzer: "Mit Sekt und Schinkenlachsbrötchen feiert man dort den Umzug in ein niegelnagelneues Studio unterm Dach der Mensa. Junge Menschen in rot-schwarzer Garderobe laufen geschäftig über die Flure. Corporate-Identity-Dresscode in den Farben des Senders."

Die Autorin hätte den Absatz auch ähnlich positiv wie bei Radio Blau schreiben können, zum Beispiel so: "Kurz vor der feierlichen Eröffnung des neuen mephisto-Studios ist noch nicht alles fertig aufgebaut. Studenten wuseln über den Flur und richten die Schnittchen, die sie am Samstagvormittag noch selbst geschmiert haben, auf dem Buffet-Tisch an. Viele von ihnen haben sich schick gemacht für diesen Tag. Die Studenten wirken erschöpft und angespannt, denn in den vergangenen zwei Wochen haben sie ehrenamtlich neben dem Studium nicht nur den normalen Sendebetrieb aufrecht erhalten, sondern sind mit dem gesamten Sender innerhalb Leipzigs umgezogen." Doch es soll ja ein Gegensatz zwischen mephisto 97.6 und Radio Blau aufgebaut werden - und mephisto soll in diesem Falle wohl als verwöhnter, dekadenter Haufen von Luxus-Studenten dargestellt werden, die eben KEIN authentisches Leipzig-Radio machen. Und die durch die enormen Finanzmittel des Landes scheinbar zumindest moralisch schuld sein sollen am möglichen Aus von Radio Blau. Das belegt auch das folgende Zitat: "Burkhard Jung und Rektor Häuser werden von 'entzückenden' Moderatorinnen ein bisschen gebauchpinselt und ein bisschen provoziert. Das ist ein junges, freches Studentenradio. Vom subversiven Journalismus spricht niemand mehr. Dafür sprechen Jung und Häuser Werbetexte á la 'Ich höre immer und überall und sowieso Mephisto 97,6.' Als jemand nach der Anwesenheit von SLM-Vertretern fragt [Anmerkung: dieser ominöse "jemand" waren die Moderatorinnen selbst], kommentieren die Moderatorinnen das Schweigen im Publikum mit der Bemerkung, die seien wohl mit der Abschaltung von Radio Blau beschäftigt. Gelächter."

Dieser Abschnitt verdeutlicht besonders gut, wie tendenziös der Artikel ist. Statt korrekter Wiedergabe werden die Aussagen von Jung und Häuser übertrieben dargestellt. Die Schilderung der Begebenheit mit der Frage nach der SLM ist zudem falsch. Und es entsteht dabei der Eindruck, dass die Macher von mephisto 97.6 sich selbst bei einer Feierstunde noch am Leid von Radio Blau ergötzen. Aus einer kritischen Bemerkung in Richtung SLM macht die Autorin ein Beispiel für die Arroganz der mephisto-Redakteure. Ist das der Stil eines authentischen Leipzig-Stadtmagazins?

Nun muss das neugegründete Onlineradio detektor.fm ("alles Ex-Mephistos") herhalten, damit Autorin Julia Gabler wieder den Bogen zu den heldenhaften, aber finanzschwachen Machern von Radio Blau schlagen kann. detektor.fm sei gegründet worden, um Unfreiheiten á la Blau zu entgehen, schreibt Gabler. In einigen Jahren gebe es sowieso keine UKW-Frequenzen mehr, erklären die Macher im Artikel, und bald wolle das Online-Radio mit Werbung Geld verdienen. Der Schlenker ist gelungen, Gabler kann zum finalen Schlussplädoyer ansetzen: "Radio Blau darf keine Werbung machen. Dafür kann hier jeder am Mikro sitzen: Senioren, Migranten, Studenten und Schüler. Auch Kinder. In Brecht'scher Manier schalten sie um: vom Empfänger zum Selbersenden. Ihnen das zu ermöglichen, zeichnet Demokratie jenseits marktwirtschaftlicher Rentabilität aus."

Eine wundervolle Moral zum Schluss! Sinngemäß will uns der Artikel also folgendes sagen: Seid gewarnt vor den Luxus-Studenten von mephisto 97.6, denn aus ihnen werden einmal kapitalistische Radiomacher. Und während sich die böse mephisto-Redaktion vor dem vielen Landesgeld kaum retten kann, wird es das gute, aufrichtige Radio Blau vielleicht schon bald nicht mehr geben.

 

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Screenshot: radio.fueralle.org

 

Besonders gut wird diese befremdliche Moral auch in den Bildunterschriften der beiden Fotos verdeutlicht. Auf dem einen Bild posieren die vier Chefinnen von mephisto 97.6 im neuen Sendestudio, auf dem anderen halten zwei Macher von Radio Blau einen Flyer mit der Aufschrift "Bald Funkstille? Freies Radio muss bleiben!" in die Kamera. Die Bildunterschrift für das Radio-Blau-Foto lautet: "Vom Staat ignoriert: Radio Blau kämpft weiter um seine Existenz". Die Bildunterschrift beim mephisto-Foto lautet dagegen: "Vom Staat gepampert: die mephistos in ihrem gut ausgestatteten Studio." Das ist suggestiv, vor allem aber unredlich. Denn als das Foto geschossen wurde, hatten die Macher des Kreuzer mephisto 97.6 noch erklärt, sie würden ein Porträt der neuen Chefredaktion schreiben bzw. einen eigenen Artikel über den Umzug des Senders. Natürlich kann der Kreuzer mit dem Foto machen, was er will. Aber es mit solch einer Bildunterschrift in solch einem tendenziösen Artikel zu veröffentlichen, ohne die studentischen Macher von mephisto 97.6 nur ein einziges Mal zu Wort kommen zu lassen, ist meiner Meinung nach unseriös.

Unter dem Artikel folgt übrigens ein Hinweis darauf, dass die Interviews mit Radio Blau und detektor.fm auf der Kreuzer-Internetseite nachzulesen sind. Wer sich jetzt fragt, warum das Interview mit mephisto 97.6 nicht nachzulesen ist: genau, das hat es nie gegeben. Werfen wir noch schnell einen Blick auf das Interview mit Radio Blau: Dort stellt Gabler solch kritische Fragen wie "Wie kam das Ansehen des Freien Radios damals zustande?" oder "Habt ihr denn mittlerweile in der Stadt eine Aufmerksamkeit für eure Situation herstellen können?". Zumindest für die Autorin lässt sich das eindeutig mit JA beantworten. Und sie scheint alles zu unternehmen, damit -auf Kosten journalistischer Standards und anderer Sender- Radio Blau positiv in der Öffentlichkeit dargestellt wird.


Zwei Fragen zum Kreuzer-Artikel will ich zum Schluss noch stellen:

- Warum wird im Artikel mephisto 97.6 zum Sündenbock der Autorin und warum werden nicht stattdessen die eigentlichen Sündenböcke (SLM und sächsische Landesregierung) angeprangert?

- Welche Rolle spielt der Kreuzer bei diesem Artikel - waren ihm die Fehler und die Tendenz des Artikels egal oder hat er den Artikel sogar so gewollt?

Diese Fragen habe ich auch der Chefredaktion des Kreuzer gemailt. Sobald ich eine Antwort bekomme, wird dieser Artikel aktualisiert. Ich hatte scheinbar nicht die richtige E-Mail-Adresse der Autorin. Sie habe ich also -anders als zuvor geschildert- bisher nicht anschreiben können.


Hinweis: Ich bin Unterzeichner der ePetition zur Rettung von Radio Blau und war vom 1. Oktober 2008 bis zum 30. September 2009 Chefredakteur von mephisto 97.6. In dieser Zeit habe ich z.B. noch die Anfrage der Kreuzer-Chefredaktion für einen Artikel über meine Nachfolgerinnen erhalten. Bei der geschilderten Eröffnungsfeier der neuen Räume war ich anwesend, allerdings schon seit über einem Monat nicht mehr im Amt. Zum oben geschilderten Buffet habe ich mit einer selbstgebackenen Pizza beigetragen.

Ich spreche damit nicht für die Redaktion von mephisto 97.6. Der Artikel ist in meinem privaten Blog erschienen und gibt lediglich meine persönliche Meinung wieder.